#29: Der Einfluss von Castingshows auf deinen Gesang

#29: Der Einfluss von Castingshows auf deinen Gesang 

In diesem Artikel möchte ich über ein Thema philosophieren, dass uns seit einigen Jahren, genau genommen seit 21 Jahren im deutschen Fernsehen begleitet: Castingshows. 

Angefangen im Jahre 2000 mit Popstars gefolgt von Deutschland sucht den Superstar, X Faktor, Unser Star für Oslo etc. und schlussendlich aktuell The Voice of Germany. 

Ich habe mir Gedanken gemacht, welchen Einfluss diese Formate auf das Selbstverständnis und den Weg von singenden Menschen, kurz, auf unsere Singkultur haben können. 

Dazu lass’ uns noch mal betrachten, wie Castingshows funktionieren: 

Teilnehmer*innen treten vor einer Jury auf und müssen diese von ihrem Können überzeugen. Die jeweilige Jury wählt aufgrund der gezeigten Leistungen Bewerber*innen aus, die in einer nächsten Runde erneut etwas vorführen dürfen. 

Im Laufe der Runden scheiden immer mehr Teilnehmer*innen aus, bis eine überschaubare Gruppe zusammengestellt ist, aus welcher der/die Gewinner/in ermittelt wird. Dabei wird von der Jury steht’s ihre Meinung zum Können der jeweiligen Kandidat*innen verkündet. 

In der letzten Phase darf dann das TV-Publikum per telefonischem Voting seine Favoriten wählen und entscheidet dann schlussendlich auch über die oder den Gewinner/in. 

Der positive Einfluss dieser Show’s ist zweifelsohne die dadurch gewachsene Popularität und das gestiegene Interesse für das Singen. Ich erlebe das jedes Jahr, wenn diese Shows wieder im TV laufen: es gibt dann merklich mehr Anmeldungen für den Gesangunterricht und viele Menschen sind davon inspiriert und möchten dann auch singen lernen! 

Aber leider beeinflussen diese Castingshows unsere Singkultur auch auf negative Weise... 

Denn durch diese Castingshows ist es fast schon zur Mode geworden Gesang immerzu zu bewerten: 

Die Jury bewertet die Kandidat*innen (bei DSDS teilweise auch unter der Gürtellinie) und die Zuschauer*innen geben im Internet dadurch angespornt auch ihren Senf dazu.  Es wird "geliked" oder auch nicht, kurzum, jeder fühlt sich berufen seinen Kommentar und seine (unqualifizierte) Meinung abzugeben. 

Und das ist fatal, denn letztlich gibt das (Laien)-Publikum einfach seine ungefilterte Meinung dazu, ohne bestimmte Maßstäbe der Bewertung anlegen zu können, sondern vielmehr aus einer reinen Geschmackssache werden andere bewertet und fast schon über sie gerichtet. 

Was macht das aber mit uns Gesangsbegeisterten? 

Es entsteht dadurch die innere Überzeugung „wenn ich singe, werde ich bewertet“.  Oder es entwickelt sich das Gefühl, wenn ich singe, muss ich andere beeindrucken... 

Ich erlebe das immer wieder, wie stark der innere Kritiker bei vielen Schüler*innen ausgeprägt ist und wie schwer es vielen fällt, Singen als einen wohltuenden, freudvollen und heilsamen Selbstzweck zu betrachten, frei vom Leistungsprinzip. Es schwingt im Inneren immer die Frage mit „bin ich gut genug?“ oder die negative Überzeugung: „ich bin niemals gut genug“. 

Aus eigener Erfahrung weiß ich ja, wie sehr das Leistungsprinzip in meiner Gesangsausbildung mich belastet hat und mir die Freude am singen genommen hat. Als professionelle Sängerin bleibt das bewertet werden auf dem Weg natürlich auch nicht aus und gehört in gewisser Weise dazu. 

Aber egal ob nun Hobbysängerin oder Profi: 

Um uns den Zauber und die Freude am Singen zu bewahren ist es wichtig, dass wir uns immer wieder von inneren und äußeren Bewertungen frei machen!! Und auch besonders dann, wenn wir vor anderen singen! 

Es geht darum, dass du dich immer wieder bewusst den erfüllenden Aspekten des Singens zuwendest, um die es in erste Linie immer gehen sollte: deinen ganz persönlichen, unperfekten aber vollkommenen, authentischen und einzigartigen Gefühlsausdruck, deine Liebe zur Musik, deine ganz eigene Art der Interpretation.... 

Wie ist das bei dir? Kannst du dich vom Leistungsprinzip freimachen und einen liebevollen Blick auf dich und deine Stimme richten, deine Gefühle ungefiltert über den Klang herauslassen und sie deinem jetzigen Lernlevel entsprechend zu feiern und liebevolle anzunehmen? 

Welche Gedanken oder Perspektive hilft dir, da einen neuen Blick auf deinen Gesang zu finden? 

Aus Erfahrung kann ich sagen, dass diese positive, dich unterstützende Einstellung zu entwickeln nicht von heute auf morgen geht. 

Aber mit täglicher Achtsamkeit und indem du immer wieder den inneren Kritiker in seine Schranken weist und eine Gedankenhygiene betreibst, wirst du mit jedem Tag immer mehr bei dir ankommen. 

Und wenn du Castingshows schaust, übe dich selber darin, nicht in den bewertenden Zuschauer zu verwandeln, sondern jeder Person und Stimme den Respekt zu zollen, den du dir selber wünschen würdest, auch, wenn dir der Klang einer Stimme so gar nicht zusagt. 

Denn je strenger wir andere bewerten, umso strenger sind wir meistens auch mit uns selbst. 

Und weil sich das gegenseitig bedingt, können wir das beim Schauen von Castingshows üben, das wirkt sich dann auch wieder positiv auf dich selber aus. 

Ich wünsche dir ganz viel Achtsamkeit und Selbstliebe auf deinem gesanglichen Weg! 

 

Mein Name ist Canan Uzerli (Sängerin & Gesangspädagogin) und meine Leidenschaft ist es Mädchen&Frauen zu helfen, ihre Stimme zu finden und ihr stimmliches Potential zu entfalten. Ich unterrichte in meinem Raum für Gesang in Hamburg oder auch ONLINE über Skype/Facetime.

 

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