#8: Die eigene Stimme finden – 6 Schritte

Die eigene Stimme finden – ein Weg in 6 Schritten 

Wenn man sich auf seinen stimmlichen Weg macht um die eigene Stimme zu entwickeln, den Ausdruck zu erweitern und sich gesanglich zu verbessern, dann steckt bei vielen Menschen dahinter die Sehnsucht, die ganz eigene Stimme zu finden und auch den eigenen Stil zu entwickeln. Denn so wie wir Menschen alle einzigartig in unserem Wesen, Aussehen, unseren Träumen, Wünschen und Nöten, kurz - in unserer Persönlichkeit sind, so einzigartig ist auch unsere Stimme. Und da ist diese Sehnsucht in uns, uns mit unserem Sein, mit unserer eigenen Stimme zum Ausdruck zu bringen. 

In der Pop-Musik geht es genau darum, die Einzigartigkeit einer Stimme herauszuarbeiten und unverwechselbar zu sein. 

Und dennoch gibt es das weit verbreitete Phänomen, gerade unter jungen Sängerinnen, am liebsten genau so wie ihre sängerischen Vorbilder klingen zu wollen. Wie passt das zusammen? Und was bedeutet es eigentlich die eigene Stimme und den eigenen Stil zu finden, bzw. wie schafft man das? 

Im heutigen Blog-Artikel zeige ich Dir 6 Schritte die Dir dabei helfen können, deine eigene Stimme zu finden und deinen eigenen Stil zu entwickeln! Ich werde mich dabei auf zwei Ebenen bewegen: zuerst auf der stimmtechnisch/musikalisch-stilistischen Ebene und dann auf der persönlichen/seelischen Ebene. 

1. Die eigene Stimme aus gesangstechnischer Sicht 

Vielleicht hast Du es selber schon bemerkt, wie unterschiedlich die eigene Stimme klingen kann. Auch ich habe früher als Jugendliche oftmals mit verschiedenen Sounds herumexperimentiert ohne genau zu wissen was ich da machte. 

Wenn wir das nun einmal aus gesangstechnischer Sicht betrachten haben wir zwei Bereiche die wir uns dazu anschauen: einmal den Kehlkopf (wo deine Stimmlippen lokalisiert sind) und die Stimmregister. Beide haben nämlich einen Einfluss wie deine Stimme klingt. 

Die Stellung des Kehlkopfes 

Der Kehlkopf ist in der Mitte unseres Halses lokalisiert und beheimatet unsere Stimmlippen. Er ist beweglich und Du kannst das ja mal gleich ausprobieren: Lege einen Finger an die Vorwölbung des Kehlkopfes (bei Männern ist das der Adamsapfel, bei uns Frauen steht er nicht so hervor) und gähne...spürst Du wie der Kehlkopf nach unten geht? Nun halte den Finger erneut drauf und schlucke...der Kehlkopf wandert nach oben. 

Beim Gesang können wir mit den unterschiedlichsten Kehlkopfpositionen singen. Ein tiefer Kehlkopf (Gähngefühl) gibt uns einen dunklen Klang (Klassik), ein höherer Kehlkopf gibt dem Ton mehr Helligkeit. Möchtest Du am meisten „wie Du“ klingen, also deiner normalen Sprechstimme am ähnlichsten, singe mit neutraler Kehlkopfposition.  

Die Stimmregister 

In welchem Stimmregister solltest Du singen? Im Gesangsunterricht bilden wir alle Stimmregister aus um eine große Ausdrucksbandbreite zur Verfügung zu haben. 

Im Popgesang geht es uns darum die Mischstimme zu entwickeln, damit wir nicht nur zwei Extreme haben: die kraftvolle und tiefere Bruststimme und die zartere, helle Kopfstimme. Wir möchten dass diese Register sich klanglich so vermischen, dass unsere Stimme über den gesamten Umfang von Bruststimme über die Mischstimme harmonisch und ausgeglichen bis zur Kopfstimme so ineinander übergeht dass es zu keinem krassen Bruch zwischen den Registern kommt. Im Englischen gibt es für die Mischstimme auch die Bezeichnung Speechlevel-Singing. Wir wollen also nicht zu laut, kraftvoll, „brustig“ singen und auch nicht zu soft, hell, luftig...und so versuchen wir, in der Mischstimme die Sprechqualität im Ton zu finden und auszubilden. Das ist immer ein langfristiges Ziel und bedarf einiges an Übung. Manche Schülerinnen bringen aber auch schon eine gute Mischstimme mit. Und dennoch kann es sein, dass Du vielleicht keine Mischstimme ausbilden möchtest, sondern gerade den krassen soundlichen Gegensatz ausdrücken möchtest, weil Du dies intuitiv als „deins“ empfindest. 

2. Die eigene Stimme finden – aus stilistischer Sicht 

Beim Weg zur eigenen Stimme stellt sich also die Frage: welche stilistische Wahl triffst Du? 

Im Popgesang gibt es dazu verschiedene Aspekte die uns Orientierung geben können. Überlege Dir dabei wo sich deine Stimme in den folgenden Gegensatzpaaren einordnet und mach Dir anhand dieser Gegensatzpaare ein Bild deiner Stimme. 

Dabei muss es übrigens nicht ‚entweder oder sein’, ein ‚sowohl als auch’ geht natürlich auch! 

Hoch-Tief 

Deine Stimmlage ist teilweise anatomisch bedingt und in der Klassik wird man dementsprechend in das sogenannte Stimmfach eingeordnet. Als Frau singt man dann mit einer tieferen Stimme im Alt, im Mezzosopran in der höheren Lage oder als sehr hohe Stimme im Sopran. Im Pop unterscheiden wir nicht in Stimmfächern. Man ist komplett frei das zutun was man möchte und so kann sich auch eine eher hohe Frauenstimme in der Tiefe „frei nach Schnauze“ ausdrücken. Im Gesangsunterricht versuchen wir deinen Stimmumfang zu erweitern und speziell im Pop geht es auch darum deine Stimme nach oben hin kraftvoll auszubauen. Im Pop kannst Du jeden Song in deine Lage transponieren und auf deine Weise singen. 

Hoch – Tief kannst Du auch auf die oben angesprochenen Register wie Brust – und Kopfstimme anwenden. Im Pop wird tendenziell eher in der Brust und Mischstimme gesungen, und die Kopfstimme wird oft als Effekt eingesetzt. Also überlege mal, wo würdest Du deine Stimme klanglich einordnen, ist sie von Natur aus eher höher oder tiefer? 

Laut –Leise 

Es gibt Sänger/innen die immer nur leise singen und andere singen wiederum immer und gerne laut. Da wir in der Popmusik mit Mikrofon arbeiten, haben wir dadurch die Möglichkeit auch extrem leise Stimmen hörbar zu machen. In jedem Fall ist auch innerhalb einer leisen Interpretation wichtig, nicht alles monoton gleich zu singen, sondern auch hier dynamisch zu arbeiten. Eine große dynamische Bandbreite innerhalb eines Songs zeugt von sehr viel Musikalität und ich lade dich ein, dass Du innerhalb eines Songs diese Bandbreite im Rahmen deiner Möglichkeiten einsetzt. Wo würdest Du im Hinblick auf laut und leise  deine Stimme einordnen? 

Klarer Ton- geräuschvoller Ton 

In der Popmusik ist es im Gegensatz zur Klassik durchaus üblich mit gewissen soundlichen Effekten zu spielen. Natürlich gibt es auch hier die ganz klaren und reinen Stimmen, es gibt aber auch die luftigen und kratzigen Stimmen. Wie ordnet sich deine Stimme hier ein? 

Mit Vibrato – Ohne Vibrato 

Auch dies ist eine sehr individuelle Angelegenheit im Popgesang. Es gibt Sänger/innen die immer nur gerade, vibratolose Töne singen, manche schließen ihre Töne mit leichtem Vibrato ab und andere singen jeden Ton mit einem leichten Vibrato. Wie ist es bei Dir, kannst Du das Vibrato stimmlich einsetzen oder vielleicht hast Du auch noch kein Vibrato entwickelt. Vielleicht magst Du aber auch kein Vibrato oder aber Du liebst es. 

3. Achtsamkeit im stimmlichen Alltag 

All die obigen Gegensatzpaare können Dir helfen den Ist-Zustand deiner Stimme zu beschreiben und deine Stimme im Hinblick auf diese Aspekte zu untersuchen. Dafür ist es wichtig, dass Du dich im Alltag, wenn Du sprichst und auch singst mal beobachtest um ein Gefühl zu bekommen wo deine Stimme gefühlt sitzt; nimmst Du sie eher weit vorne war, oder weiter hinten, wie fühlt es sich an? Ist sie heller, dunkel, tief oder metallisch? Wie ist der Sound deiner Sprechstimme, wie würdest Du ihn beschreiben? Und vielelicht nimmst Du dann auch war, dass deine Stimme je nach emotionaler Verfassung ganz unterschiedlich klingen kann.....ob Du deinem Liebsten oder deiner Liebsten in einem nahen Moment etwas erzählst wird deine Stimme anders klingen lassen als wenn Du wütend bist und dich lauthals beschwerst. Falls Du tagsüber nicht sooft mit Menschen kommunizierst, kannst du auch ein Buch laut vorlesen und dir dabei zuhören. 

4. Andere Sänger/inne nachmachen 

Ich habe es oben schon erwähnt, dass die meisten meiner jüngeren Gesangsschülerinnen wie ihre Idole klingen möchten. Und so ist eben dieser Ratschlag „andere Sänger/innen nachmachen“ auch mit Vorsicht zu genießen. Wir wollen ganz sicher nicht stimmliche Kopien erzeugen, das steht im klaren Gegensatz zu meinem Ansatz die ganz eigene Stimme zu finden, sie anzunehmen und zu lieben. Wir wollen unsere Einzigartigkeit unterstreichen, wir wollen anders sein. 

Und dennoch ist dieses Tool eine wunderbare Möglichkeit, Facetten deiner eigenen Stimme kennenzulernen, die dir ansonsten vielleicht verborgen bleiben würden. So wie auch die großen Maler in ihrer Ausbildung erst einmal die großen Meister kopierten und dadurch ihr Handwerk erlernten und verfeinerten um danach ihren eigenen Stil zu entwickeln. 

Also als Quelle der Inspiration ist das Nachahmen von anderen Sängern/Sängerinnen eine wunderbare Möglichkeit deine Stimme in ihrer Variationsmöglichkeit kennenzulernen. Ich habe z.B. mit 15 Jahren damals Maria Callas Kassetten gehört und ihr Vibrato versucht nachzuahmen. Dadurch habe ich ein Vibrato entwickeln können. (Was es für Möglichkeiten gibt Vibrato zu entwickeln, erfährst Du im nächsten Artikel).

Du kannst Dir auch extra Sänger/innen raussuchen, die einen ganz anderen Stimmsound haben als Du, von allen kannst Du etwas lernen. Meine Stimme war zB nie sonderlich tief und so versuchte ich den warmen, tiefen Sound einer Lizz Wright nachzuahmen und konnte dadurch diese Qualitäten spielerisch auch in meiner Stimme entdecken. Also Nachahmen um deine persönliche Ausdrucksweise zu erweitern finde ich total in Ordnung und Hilfreich. 

5. Mit Dir selber in Kontakt kommen 

Dass Du selber mit Dir und deinem Inneren, deiner Persönlichkeit in Kontakt kommst, ist das wohl wichtigste und Entscheidende im Prozess deine eigene Stimme zu finden. Es geht ganz einfach darum dass Du ausdrückst wer Du bist, dass Du dich ausdrückst im Gesang. Das hat einerseits also mit deiner Stimme zutun, aber auch mit deiner Persönlichkeit. Dazu folgende Übung: 

Mach Dir eine Liste mit verschiedenen Eigenschaften, wie Du dich beschreiben würdest...sie muss nicht lang sein. Beispielsweise: ich bin lustig, nachdenklich, ruhig, melancholisch, herzlich, schüchtern, energetisch, kraftvoll, zart, zurückhaltend, laut, raumeinnehmend, dominant, sensibel  etc etc... 

Vielleicht bemerkst Du, dass manche dieser Eigenschaften sich auch auf deine Stimme übertragen lassen. Oder vielleicht ist es sogar so, dass Du stimmlich gewisse Eigenschaften ausdrückst, die du in deiner Persönlichkeit nicht auslebst, versteckst oder vernachlässigst oder umgekehrt. Frage deine Familie, Freunde und Kollegen, wie sie dich in einem Wort beschreiben würden. All das kann Dir helfen herauszufinden, mit welchen persönlichen Eigenschaften und Qualitäten du in Verbindung stehst, wie Du dich selber siehst und wie dich andere Menschen sehen. 

6. Selbstliebe 

All diese Schritte können Dir dabei helfen, ein Gespür für Dich als einzigartige Persönlichkeit und deine einzigartige Stimme zu entwickeln. Das wichtigste nun aber zum Schluss: 

Wir kommen nun zu einem sehr wichtigen Punkt, wohl dem allerwichtigsten: der Selbstliebe. 

Stelle Dir vor, deine Seele ist auf diese Erde gekommen um sich zu entfalten, zu lernen zu wachsen und sich auszudrücken. Und von Letzterem kannst Du ausgehen, wenn Du eine Sehnsucht und Liebe zum Gesang hast, dann möchte sich deine Seele, dein Herz, dein Inneres über den Gesang ausdrücken in die Welt. Frei, voller Liebe und Hingabe! Ein Traum! Denkst Du dir...wenn da nur nicht der Verstand wäre...der in Form des Inneren Kritikers ständig zweifelnd anmerken würde: du kannst nicht singen, deine Stimme ist nicht schön, du bist nicht gut genug, das hörte sich ja schrecklich an...etc etc...Es ist teilweise wirklich schlimm, mit welcher Härte wir uns selber in Gedanken bekämpfen und niedermachen. Die Perfektionisten unter uns trifft es diesbezüglich besonders hart! Viele meiner Gesangsschülerinnen haben auch einen besonders lauten inneren Kritiker im Ohr. Es kann ein längerer Prozess sein, den Kritiker nach draußen zu verbannen und einfach nur achtsam und bewusst, ohne zu bewerten in Kontakt mit seiner eigenen Stimme zu kommen. Und ein Gefühl des Mitgefühls für sich selbst und für die eigene Stimme zu entwickeln. Woraus sich ein Gefühl der Liebe entwickeln darf, Dich so anzunehmen und zu lieben wie Du bist. Und milde mit Dir zu sein im Prozess deiner stimmlichen Entwicklung. In dem Maße wie das Annehmen deiner Selbst und deiner Stimme wächst, wächst daraus auch dein Selbst-Bewusstsein, dein zu Dir stehen und in nächster Konsequenz auch die Stärke Dich in deiner Einzigartigkeit mit deiner einzigartigen Stimme auszudrücken und zu zeigen. Deshalb ist stimmliche Entwicklung immer verbunden mit der persönlichen Entwicklung und beides bedingt einander und fördert und fordert einander. 

Fazit 

Sich auf den Weg zu machen um die eigene Stimme zu finden ist eine wunderbare und transformierende Reise zu dir selbst, voller Musik, Abenteuer, großer Freuden, Höhen, Tiefen, voller Überraschungen, Entdeckungen, mit Erfolgen und Niederlagen und soviel Spass und Glückseligkeit. 

Und auch wenn ich immer wieder sage, dass es beim Singen auf der Bühne um das 'sich verschenken' geht und Du für das Publikum singst, so ist das aber auch nur ein Teil der Wahrheit. Denn es geht in erster Linie darum, dass Du auch für dich singst... 

Singen ist eine Möglichkeit für dich, tiefer in dich selbst einzutauchen und mit einem sehr authentischen Teil von dir bewusst zu SEIN...Singen ist ein weiterer Weg, um tiefer in unsere Beziehung zu uns selbst zu finden.

All die obigen Ideen können Dir helfen deine Stimme zu finden. Im Gesangsunterricht erweiterst Du durch Gesangsübungen deine stimmlichen Möglichkeiten und kommst dadurch deinem stimmlichen Potential auf die Spur. Dadurch erweitern sich deine stimmlichen Ausdrucksmöglichkeiten und Du kannst dein inneres in ganz unterschiedlichen stimmlichen Facetten ausdrücken. Du entdeckst was alles in deiner Stimme steckt und entwickelst dadurch Wege deine verschiedenen Emotionen auch stimmlich nuanciert auszudrücken.

Ich hoffe, ich konnte Dir mit meinem Artikel weiterhelfen auf dem Weg deine eigene Stimme zu finden! Schreibe mir gerne in die Kommentare, wenn etwas unklar geblieben ist oder Du eine Erfahrung teilen möchtest oder etwas ergänzen willst! Gern bin ich auch für dich da und begleite dich auf deinem stimmlichen Entwicklungsweg! 

Alles Liebe für Dich und Let Your Heart Sing!
 

 

 
    

 

     
     
    
   
 
   
 
 

 

 

 

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